Berans-Pennet Governance · Systemische Dokumentation

Die Morgengängerinnen – Drei Frauen, ein Wald und die stille Disziplin des Erscheinens

Datum: 08.03.2026

Dieser Text ist eine persönliche Feldnotiz aus den ersten zwei Wochen der morgendlichen Waldgänge im Kontext des Wolfs „Grindi“. Er ist Teil der laufenden Dokumentation zur Governance-Beobachtung rund um den Wolf im Nordschwarzwald. Der breitere analytische Rahmen wird im Semantic Core Resolver sowie im Wolf Governance Case dokumentiert.


Die Morgengänge

Vor zwei Wochen war der Wald zunächst vor allem eine Vorstellung. Es gab eine Facebook-Gruppe, die Spaziergänge für den Wolf organisierte, den viele inzwischen „Grindi“ nannten. Die Idee war einfach: Wenn Menschen im Wald unterwegs sind, könnte der Wolf sich aus einem Gebiet entfernen, in dem Jäger aktiv waren. Gleichzeitig würde die Anwesenheit von Spaziergängern es schwieriger machen, dass Jagdteams unbemerkt arbeiten.

Relativ schnell wurde jedoch deutlich, dass die meisten Spaziergänge abends stattfanden. Das war verständlich – nach der Arbeit hatten viele Zeit. Doch aus beobachtender Perspektive hatte diese Praxis Grenzen. Der Wald folgt anderen Rhythmen. Tiere bewegen sich zu bestimmten Zeiten, und der Übergang zwischen Nacht und Tag ist besonders aufschlussreich.

Daher entstand die Idee, vor Sonnenaufgang zu gehen.

Nicht um sieben Uhr, sondern deutlich früher.

In der Dunkelheit.

Der erste Morgen

Am ersten Morgen gingen nur zwei Personen. Nennen wir die Frau, die mich begleitete, Anna. Wir kannten uns kaum. Was uns verband, war die Bereitschaft, eine Idee praktisch zu testen: vor der Morgendämmerung in den Wald zu gehen und zu sehen, was sich beobachten lässt.

Das Wetter war schwierig. Starker Regen, Wind und völlige Dunkelheit. Das Gelände kannten wir nicht. Doch genau solche Situationen zeigen schnell, wie Menschen mit Unsicherheit umgehen.

Anna blieb ruhig und strukturiert. Sie beobachtete viel, sprach wenig und dachte sofort in praktischen Mustern: Welche Wege lassen sich wiederholen? Wo gibt es Übersicht? Wie bewegt man sich effizient durch das Gelände, ohne unnötige Unruhe zu erzeugen?

Diese Form des Denkens unterscheidet sich deutlich von vielen Online-Diskussionen. Dort wird oft darüber gesprochen, was theoretisch getan werden sollte. Im Wald stellt sich sofort die Frage, was tatsächlich möglich ist.

Eine zweite Stimme

Am nächsten Morgen kam eine weitere Frau dazu. Nennen wir sie Claire. Sie fuhr mitten in der Nacht aus Karlsruhe los, um gegen fünf Uhr im Gebiet zu sein. Claire arbeitet als Übersetzerin und stellte sehr präzise Fragen über Wege, Richtungen und Gelände.

Nach zwei Tagen begann der Wald bereits vertrauter zu wirken. Wenn man ein Gelände mehrfach durchläuft, entsteht eine innere Karte. Eine Wegbiegung bleibt im Gedächtnis, ein Hang wird wiedererkannt, Geräusche lassen sich besser einordnen.

Die Ruhige

Kurz darauf begann eine weitere Frau regelmäßig mitzugehen. Nennen wir sie Mara. Sie arbeitet mit Ayurveda und Massage und spricht sehr ruhig und bedacht.

Diese Ruhe erwies sich als erstaunlich wertvoll. In einer Situation, die von Unsicherheit, Müdigkeit und emotionaler Spannung geprägt war, konnte sie das Tempo verlangsamen und Stabilität in die Gruppe bringen.

Ihre Motivation war deutlich von einem ganzheitlichen Verständnis der Natur geprägt. Für sie ist der Wald kein bloßes Gelände, sondern ein System von Beziehungen zwischen Mensch, Tier und Landschaft.

Die Jäger

Nach einigen Tagen änderte sich die Situation, als erstmals Jäger im Gebiet sichtbar wurden. Fahrzeuge, Lichtbewegungen und Spuren machten deutlich, dass sich auch andere Akteure im selben Raum bewegten.

Von diesem Moment an änderte sich auch unsere Herangehensweise. Statt große Strecken zu laufen, begannen wir, immer wieder dieselben Wege zu gehen. Die Idee dahinter war einfach: Wer ein Gelände verstehen will, muss es wiederholt betreten.

So entstand langsam ein Gefühl für Bewegungen im Wald – für Wege, Geräusche und Veränderungen.

Beobachtung statt Aktionismus

Zu Beginn war vieles von Wut und Frustration geprägt. Viele Menschen empfanden die Situation rund um den Wolf als Beispiel für eine politisch und administrativ getriebene Dynamik, die von manchen als unverhältnismäßige Wildtierverfolgung wahrgenommen wurde.

Doch tägliche Morgengänge verändern den Blick. Der Fokus verschiebt sich von spontanen Reaktionen hin zu Beobachtung. Man beginnt, den Wald zu lesen – Spuren, Geräusche, Bewegungen.

Morgengrauen

Jeden Morgen wiederholt sich derselbe Moment. Die Dunkelheit wird grau, Konturen von Bäumen erscheinen, und der Wald beginnt sich zu öffnen.

Die Morgengänge begannen als einfache Idee.

Doch sie wurden zu etwas anderem: Menschen, die regelmäßig erscheinen, ein Gelände kennenlernen und feststellen, dass stille Präsenz manchmal wirkungsvoller sein kann als lautstarker Aktionismus.